FORSCHUNG & ENTWICKLUNG

Regionale Produktionsstrukturen als strategische Infrastruktur
Rückkehr der Arzneimittelproduktion
Die pharmazeutische Produktion in Europa wurde über viele Jahre hinweg schrittweise ausgelagert. Kostendruck, Skaleneffekte und globalisierte Lieferketten machten das Offshoring aus betriebswirtschaftlicher Sicht zunächst plausibel. Industriepolitisch erwies sich diese Entwicklung jedoch als zu weitgehend.
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Adragos Pharma
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Ein alter Klempnerspruch lautet: „Nach fest kommt ab.“ Jeder Handwerksgeselle weiß, dass man ein Gewinde nicht endlos weiter anziehen kann, ohne es zu zerstören. Genau das ist über Jahre mit den pharmazeutischen Lieferketten geschehen. Effizienz wurde so lange optimiert, bis die Robustheit verloren ging.
Spätestens während der Covid-Pandemie wurde sichtbar, wie fragil die Versorgung mit essenziellen Arzneimitteln geworden ist. Seither haben geopolitische Spannungen und Handelskonflikte die strukturellen Risiken weiter verschärft. Europa befindet sich heute bei vielen versorgungskritischen Medikamenten in einer faktischen Abhängigkeit von Drittstaaten – wirtschaftlich und potenziell auch geopolitisch.
Parallel dazu sind die Listen nicht verfügbarer Arzneimittel stetig länger geworden, sowohl in Umfang als auch in Dauer der Engpässe. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern ebenso Frankreich, andere europäische Länder sowie die USA. Es gibt kaum noch Puffer im System.
Vor einigen Jahren war ein solcher Ansatz noch klar gegen den Branchentrend gerichtet. Während viele Marktteilnehmer ihre Produktion weiter in Low-Cost-Regionen verlagerten oder sich nahezu ausschließlich auf neue Modalitäten konzentrierten, entschieden sich einzelne Marktteilnehmer bewusst für den entgegengesetzten Weg: Fokus auf etablierte, versorgungskritische Small-Molecule-Arzneimittel und auf bestehende Produktionsstandorte in traditionellen Pharmaregionen.
Dieser Ansatz stieß anfangs auf erheblichen Widerstand. Klassische Darreichungsformen, Bestandsportfolios und industrielle Kontinuität galten nicht als besonders attraktiv. Inzwischen haben jedoch die Erfahrungen aus der Pandemie sowie die geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahre dieser Strategie erheblichen Rückenwind gegeben. Viele der Risiken, die damals eher theoretisch erschienen, sind heute operativ sichtbar. Dass dieser Ansatz heute auch von Investoren getragen wird, zeigt das Engagement von FSN Capital, die Adragos auf dem Weg zum Aufbau resilienter pharmazeutischer Produktionsstrukturen begleiten.

Die strategische Debatte der letzten Jahre wurde stark von Biologika, mRNA-Technologien sowie Zell- und Gentherapien geprägt. Diese Innovationen sind wichtig. Gleichzeitig wurde jedoch ein Segment vernachlässigt, das weiterhin den Großteil der medizinischen Versorgung trägt: klassische Small-Molecule-Arzneimittel.
Analgetika, Antibiotika, Infusionslösungen oder etablierte sterile Produkte sind weder technologisch spektakulär noch besonders margenstark. Sie sind jedoch systemrelevant. Wenn sie fehlen, steht nicht ein Forschungsprogramm still, sondern der Klinikalltag.
Die wirtschaftliche Realität ist dabei ernüchternd. Für manche dieser Produkte liegt der Preis inzwischen auf einem Niveau, bei dem man für einen Cappuccino mehr bezahlt als für eine Therapieeinheit. Ein solches System kann keine Redundanzen aufbauen. Es entstehen keine Investitionsspielräume und keine Sicherheitsreserven.
Versorgungssicherheit entsteht hier nicht durch Innovation allein, sondern durch industrielle Kontinuität: stabile Produktionsstrukturen, regulatorische Verlässlichkeit und die Bereitschaft, auch wirtschaftlich weniger attraktive, aber unverzichtbare Produkte dauerhaft zu fertigen.
Ein solcher Ansatz folgt einem klaren industriepolitischen Prinzip: Versorgungssicherheit durch qualitativ hochwertige Produktion in den jeweiligen Kernregionen. Ziel ist es, Wertschöpfungsketten wieder näher an die Versorgungsräume heranzuführen – Europa für Europa sowie Japan für Japan und die umliegenden asiatischen Märkte
Solche Netzwerke beliefern heute Märkte in zahlreichen Ländern weltweit. Der Kern der Wertschöpfung liegt jedoch bewusst in den jeweiligen Regionen. Ziel ist nicht der Wettbewerb über den niedrigsten Preis, sondern über die stabilste lokale Versorgung.
Europa und Japan verfügen weiterhin über eine jahrzehntelang gewachsene Kultur der Exzellenz in Qualitätssicherung, Prozesskontrolle und regulatorischer Disziplin. Diese industrielle Kompetenz ist ein entscheidender Standortvorteil und kann – richtig eingesetzt – ein zentraler Baustein resilienter Versorgungssysteme sein.

Im Bereich der Fertigarzneimittel, insbesondere bei sterilen Darreichungsformen und klassischen Formulierungen, hat in den letzten Jahren ein Umdenken begonnen. Hier wurden Kapazitäten stabilisiert oder neu aufgebaut. Dieser Teil der Wertschöpfungskette hat zumindest einen ersten Weckruf erhalten.
Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Abhängigkeiten bei Wirkstoffen, Hilfsstoffen, Schlüsselintermediaten und Starting Materials. Ein großer Teil dieser Produktionsstufen liegt nach wie vor in Indien und China.
Die strukturelle Verwundbarkeit der Lieferketten ist damit nicht vollständig behoben. Eine resiliente Versorgung erfordert langfristig eine breitere und ausgewogenere industrielle Basis über mehrere Stufen der Wertschöpfung hinweg.
Europa verfügt weiterhin über erhebliche pharmazeutische Produktionskompetenz. Diese Kompetenz muss jedoch aktiv erhalten und ausgebaut werden. Es geht nicht um eine vollständige Rückverlagerung aller Produktionsschritte, sondern um eine ausgewogenere und resilientere Wertschöpfungsarchitektur.
Die Stabilisierung und Modernisierung bestehender Produktionsstandorte sind dabei oft wirkungsvoller als der Aufbau neuer Strukturen auf der grünen Wiese. Industrielle Infrastruktur entsteht über Jahrzehnte – und sie lässt sich nur mit langfristiger Perspektive erhalten.
Die Pharmaindustrie befindet sich an einem strukturellen Wendepunkt. Versorgungssicherheit wird künftig stärker als Frage industrieller Kapazitäten verstanden werden – nicht nur als logistische oder regulatorische Aufgabe. Europa hat die Chance, verlorene Produktionskompetenz teilweise zurückzugewinnen und seine Abhängigkeiten zu reduzieren. Ob diese Chance genutzt wird, hängt davon ab, wie konsequent Industrie und Politik handeln. Resiliente Versorgung entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Investitionen, industrielle Disziplin und die Bereitschaft, essenzielle Produktion als strategische Infrastruktur zu begreifen.
Autor
Dr. Andreas Raabe
Gründer und CEO von Adragos Pharma


